29 okt. 2015

Karel in Berlin



Er war ein richtiger Romantiker. So'n altmodischer, mit viel Tod im Kopf. Das erste was er mich gefragt hat, war ob ich mit ihm auf die Pfaueninsel gehen wolle. Das wollte ich. War ja selber noch nie da gewesen, obwohl ich ja ein 'richtiget Berliner Jöhr' bin. So nannte er mich, der Holländer. Das gefiel ihm. 
Er mochte das sowieso, das altberlinerische, das Berlin vom Zille und so. Seine Lieblingskneipe war ja auch das Zille-Markt in der Bleibtreustraße. Die Bleibtreustraße! Da war ich zuvor auch noch nie. 
Das ist schon komisch wenn so'n Tourist einem sagt was es alles zu tun gibt in Berlin. 
Ich war richtig froh als er mir vom Schwarzen Café erzählte, an der Kantstraße, das kannte ich, das habe ich 1990 besucht. Da war ich zwanzig. Er hat es früher besucht, 80 oder 81, er wusste es nicht genau. Da konnte ich ja überhaupt noch nicht da gewesen sein, wohnte ja originell am Müggelsee. Später bin ich dann zum Karl nach Mitte gezogen und da wohne ich jetzt immer noch.

Als der Karl dann 2011 gemeint hat, er brauche etwas jüngeres, hab' ich ihn in Spandau besucht, bei seiner Nutte. Ach, nein, sie war keine Nutte, sie war ein nettes Mädchen, dass wahrscheinlich zum ersten mal richtig verliebt war. Aber jetzt lebte sie da in ihrer Einzimmerwohnung mit so'nem Typ der zwar nicht groß, aber größer und versorgter gewohnt war. Das Mädchen tat mir Leid.

In dieser Zeit hatte ich schon meine erste Kontakte mit Karel. Im Internet. Das war schön. Zwei Welten, und so. Aber das mit den Namen, das war schon komisch, natürlich. Karl und Karel. Das extra -e- gefiel mir, aber ich hab mich von Anfang an gefragt, ob das auch etwas bringt, so'n extra -e-. 

Nein, das bringt nichts, weiß ich jetzt, und wusste ich eigentlich auch damals schon. Außer einem schönen Tag und einer herrlichen Nacht. Die hatten wir. Und darum hasse ich ihn jetzt. Das war der Schnitt in unserem Verhältnis. Nein, das war unser Verhältnis. Vorher war es schön, und Hoffnung, und verliebt und verloren in seinen Augen. Nachher war er weg und habe ich ihn nie mehr gesehen oder gesprochen. Die E-Mails, die SMS die ich ihm nach seiner Berlinreise geschickt habe, wurden nicht mehr zugestellt, die Adresse, die Nummer stimmte nicht, gab es nicht, nicht mehr, war non-existent.

Aber in den paar Tagen zwischen unserer letzten E-Mail und seiner Abreise aus Berlin haben wir gelebt, geliebt; geliebt und  … Scheiße. Im Nachhinein war alles Scheiße. 

Aber gut, wenn Sie jetzt so fragen, und auch ganz aus Holland hierher gekommen sind, dann will ich mal nicht so sein. Da werde ich die Geschichte nochmal erzählen, na ja, nochmal stimmt eigentlich nicht, ich habe bisher keinem etwas erzählt vom Karel. Weil ich mich ein bisschen schäme eigentlich für das Ganze. Meine Freundinnen lachen mich aus wenn ich denen erzähle dass ich mich übers Internet in jemanden verliebt habe. Die finden das sowieso blöd dass ich so viel on line bin. Jetzt mach ich das auch nicht mehr, so auf Dating Sites, einsame Herzen und so'n Kram. Ich geh jetzt öfters mit der Angelika Tanzen oder in die Kneipe oder so. Da gibt's ja auch Männer, nichtwahr? Und so ab und zu, schätze einmal im Monat, nehme ich dann einen mit zu mir nach Hause. Und das genügt dann.

Aber mit dem Karel war das also alles ganz anders. Wir haben uns auf irgendeiner Seite kennengelernt, haben E-Mailadressen ausgetauscht und da hat er mich in langen E-Mails sein ganzes Leben erzählt. Einfache, nette Geschichten aus seiner Jugend zuerst, über seine Eltern, seine Schwester. Na ja, was man eben so erzählt. 
Auch ich habe ziemlich lange Mails geschrieben am Anfang. Meine Jugend im Osten, das fand er schrecklich interessant. Wie was denn dies? Wie war denn das? Schrecklich viele Fragen hat er gestellt. Aber nach fünf, sechs so langen Mails hat er weniger Fragen gestellt und mehr erzählt. Über die Scheidung in die er jetzt verwickelt sei, wie er jetzt wohnte, alleine in einer viel zu teuren Wohnung und wie er sich schuldig fühlte, weil es seiner Frau jetzt eigentlich recht dreckig ginge. Aber ihm auch, wenn er so alleine in einem alten Bett schlafen wollte, aber nicht konnte und dass er sich nach einem warmen Körper sehne an dem er sich kuscheln könne und der sich ja auch an ihm … und so weiter, und so weiter. 

Kurz: ich bin drauf reingefallen. Ich hoffe Sie verstehen, dass ich keine Lust habe das alles ganz detailliert zu erzählen. Es dauerte nicht lange da haben wir geskypet. Und dabei bin ich weiter gegangen als ich für möglich gehalten habe. Ich bin ja nicht prüde und ich habe immer vom Sex genießen können, aber diese Art von Sex kannte ich nicht. So von Bildschirm zu Bildschirm. 

Aber gut, wir haben uns so kennengelernt. Besser: er hat mich kennengelernt, ich ihn kaum, weiß ich jetzt. Und dann hat es auch nicht mehr lange gedauert, bis er sagte, er komme in der nächsten Woche mal wieder nach Berlin und bei der Gelegenheit wolle er mich dann besuchen. Er habe schon ein Zimmer reserviert in Hotel Mitte an der Neuen Schönhauserstraße. Nein, nein, ein Hotel wäre besser, meinte er. Das gäbe ja nur extra Druck, wenn er bei mir, und so. Das wäre nicht gut, sagte er, wir kannten uns ja eigentlich noch gar nicht. Das fand ich schön, dass er das sagte, obwohl es natürlich auch schon komisch war, weil wir uns ja schon mehrmals nackt gesehen hatten und allerhand Unsinn gemacht. Zwar nur über unsere Laptops aber dennoch. 
Außerdem, meinte er, hätten wir dann beide die Wahl. Das fand ich dann auch.

Als er dann aus dem Zug stieg und mich keusch küsste, flüsterte er dass er zur Pfaueninsel wolle. 'Jetzt?'
'Ja, jetzt gleich. In zehn Minuten fährt die S7.'
Während der Fahrt erzählte er über seinen ersten Besuch an der Insel. Vor vielen, vielen Jahren (sagte er) fuhr die Fähre ihn hinüber. Und gleich beim betreten der Insel habe er es gespürt: auf dieser Insel werde er seine große Liebe finden. Die Pfauen, der Schloss, das Zwillingshaus, hier gäbe es die Zutaten des Glücks. Und dabei strahlten seine Augen so klar, dass ich keine Wahl hatte, dass ich keine Wahl mehr wollte, dass es nur noch eines gab: Die Pfaueninsel. Mit ihm.

Ich könnte mich ja jetzt verteidigen und sagen, dass schwere Zeiten hinter mir lägen, dass ich jetzt meine Portion Glück verdiente und solchen Kram. Und um ehrlich zu sein: ich habe es mir gesagt, noch während der Fahrt mit der S7. Aber ich wusste auch, dass es Unsinn war. Ich bin immer zu nüchtern gewesen für solchen Quatsch. Nur als Traum stimmte es. 

Was wir alles gemacht haben auf der Pfaueninsel erzähle ich Ihnen nicht. Das ist zu privat und für einige Sachen schäme ich mich eigentlich auch ein bisschen. Wir sind die Nacht auf der Insel geblieben. Klar. Und mir kommt es immer noch als eine Art von Vorschau auf dem Himmel vor. Aber am nächsten Vormittag sind wir dann mit der Fähre zurück. Im Wirtshaus zur Pfaueninsel haben wir gefrühstückt.Viel, viel Kaffee und Rührei mit Schinken und Zwiebeln. Beim Essen haben wir nicht viel geredet, mir war es wolkig im Kopf. Und Karel wohl auch. 

'Und jetzt?' fragte ich.
'Ich muss kurz zurück.'
'Zurück?'
'Ins Hotel', sagte er noch schnell, aber in dem Moment wusste ich, dass die vergangene Nacht nicht gewesen war. 

Auf dem Hauptbahnhof musste er pinkeln. Und ich ging in die Damentoilette. Als ich fertig war, sah ich ihn nicht. Ich wartete ein paar Minuten. Er kam nicht. 
Bei der Auskunft erfuhr ich, dass in drei oder vier Minuten von Gleis ???? ein Intercity nach Köln abfahren würde. "Wenn Sie schnell sind dann holen Sie den Zug vielleicht noch, hier die Rolltreppe hoch und dann …" Ich hatte mich schon umgedreht. Ich rannte nicht, ich ging die Rolltreppe nicht hoch. Ich setzte mich auf eine Bank und schaute mich die Leute an. Die einen gingen nach links, die anderen nach rechts. Ich saß nur und wartete nicht.
Ich nahm mein Handy aus meiner Hosentasche, suchte seine Nummer und textete:
'Ich wusste nichts von deinen Ufern' aus dem Nina Hagen Song.

Ich bekam keine Antwort. Nie. Nie mehr hörte ich von ihm, über ihn. Bis jetzt. Von Ihnen. Ich weiß ja auch gar nicht, wie Sie mich gefunden haben und überhaupt, warum Sie mich gesucht haben. Will ich auch gar nicht wissen. Ich möchte nichts mehr über ihn hören. Sie haben mir schon zu viel erzählt. Na ja, können Sie natürlich auch nichts dafür. Ich will ja auch gar nicht wissen, worum Sie meine Geschichte hören wollten, sagen Sie es nicht, bitte. Auch jetzt nicht.


Ich weiß jetzt, dass er tot ist. Das hätte ich lieber nicht gewusst. Jetzt ruft die Pfaueninsel. Verstehen Sie das? Jetzt zieht's mich hin und ich will mich erinnern. Aber ich will mich nicht erinnern wollen. Ich will morgen mit der Angelika in die Kneipe. Uns ein paar Jungs suchen und so weiter. Schade eigentlich, dass Sie heute wieder zurückfahren nach Holland. Ja, schade. Besser, aber trotzdem schade.

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